Casual Dating – Norwegens etwas andere Dating-Kultur

Casual Dating – unverbindliche Beziehungen mit Sexualkontakt – wird weltweit immer populärer. In Norwegen kennt man diese Art der offenen Beziehung schon lange.
Das skandinavische Land hat die „Regeln“ der Partnersuche umgekehrt: Sex steht normalerweise am Anfang des Kennenlernens, erst danach kommt man sich emotional näher – oder auch nicht. Könnte das auch in anderen Region der Welt ein Modell für glücklichere, ehrlichere Beziehungen sein?

Erst Sex, dann Abendessen oder Kino

 

Seit es so etwas wie eine Dating-Kultur gibt, wird erwartet, dass man sich erstmal bei einem gemeinsamen Essen und gemeinsamen Aktivitäten näherkommt und nicht gleich ins Bett springt.

Anders in Norwegen. Hier lernt man sich in einer Bar oder über Tinder kennen und sucht zunächst die körperliche Nähe.

“Wenn du am nächsten Morgen aufwachst und die Person immer noch neben dir liegt, machst du ein Date aus“, schreibt Julien S. Bourrelle in seinem Social Guidebook to Norway.

“Erst dann sagst du ‚hej!’, wenn du dich im Flur triffst. Nach dem zweiten Date kann man sich zum Essen treffen. Ein gemeinsames Abendessen findet in Norwegen nämlich in der Regel erst statt, wenn man schon eine Beziehung hat.“

Das mag ein bisschen übertrieben sein. Aber Robin Westberg, die in Oslo eine Ausbildung zur Krankenschwester macht, bestätigt, dass man sich in der Regel nicht lange kennt, bevor man zum ersten Mal Sex hat.

“Meist lerne ich Männer über Apps kennen, seltener auf Partys oder in Bars. Beim ersten Date geht man etwas trinken. Dass man dann beim zweiten oder dritten Treffen zusammen ins Bett geht, ist ziemlich normal. Danach kann man sich auch zum Abendessen treffen oder etwas zusammen unternehmen – radfahren, schwimmen, wandern oder so.”

 

Die Führungskraft Linn Kristin Sande unterstreicht das. Für sie und ihre Freunde spielen bei den ersten Treffen Bier und Sex die Hauptrollen, bevor es ernst wird und man zum Beispiel gemeinsam ins Kino geht.

„Oft fragt dich jemand (auf Tinder, in einer Bar, auf einer Party), ob du Lust auf ein Bier hast, und dann hängt man ein bisschen zusammen rum, um zu sehen, ob man Lust auf mehr hat“, erzählt sie.

„Wenn das so ist, trinkt ihr noch ein paar Biere zusammen und geht auch schon mal zusammen ins Bett. Und dann fängt man irgendwann an, ‚ernsthaftere’ Dinge miteinander zu tun, wie z.B. einen Film bei dir zu Hause ansehen. Es wäre ziemlich ungewöhnlich, jemanden beim ersten Date zum Abendessen einzuladen.

Ich denke, die meisten jungen Leute in Norwegen würden lieber erstmal auf einen Drink (oder einen Kaffee) eingeladen werden, dann kann man schneller wieder verschwinden, wenn es nicht so läuft“, fügt sie hinzu.

Dass das gemeinsame Essengehen erst zu einem späteren Zeitpunkt kommt, liegt zum Teil allerdings auch daran, dass man in Norwegen insgesamt weniger essen geht. Ein gemeinsamer Restaurantbesuch würde das Ganze schnell auf eine sehr formelle Ebene heben.

Sex ist keine große Sache – Intimität allerdings schon

 

Auf den ersten Blick mag es so aussehen, als ob die norwegische Dating-Kultur dem traditionellen Prozedere einer Beziehung vorgreift, weil man schnell gemeinsam ins Bett geht.

Aber wenn es darum geht, tatsächlich eine Beziehung aufzubauen, wird das Tempo deutlich langsamer.

„Norweger gehen oft lange locker miteinander aus“, sagt Linn. „Man verbringst viel Zeit damit, sich auszuprobieren oder zusammen abzuhängen. Ich kenne Leute, die monatelang irgendwie unverbindlich zusammen sind, bevor sie es eine Beziehung nennen.“ Anderswo in Europa würde man von Beziehungsängsten sprechen, aber in Norwegen scheint das Konzept die Regel und nicht die Ausnahme zu sein.

„Ich fand die Norweger sehr freundlich, aber zurückhaltend. Es war schwierig, eine Beziehung einzugehen“, sagt Michael Laird, Projektassistent in London, der ein Auslandssemester in Norwegen verbrachte. Emotionale Nähe hat einen hohen Stellenwert, weshalb ein echtes Bekenntnis füreinander hier mehr Zeit braucht. Das bedeutet jedoch nicht, dass man sich grundsätzlich nicht einlassen will. Man schätzt Direktheit und Ehrlichkeit im Umgang miteinander.

 

„Für die Leute hier ist Sex nicht dieses große, magische Ding, auf das man über mehrere Dates hinweg zuarbeitet. Das würde meiner Meinung nach einen enormen Druck aufbauen“, sagt Linn. „Wenn man Sex ziemlich am Anfang hat, ist das Körperliche eine zusätzliche Möglichkeit, die Person kennenzulernen, und etwas, das mit der Zeit immer besser wird, wenn man sich näher kennt.“

Michael stimmt zu: „Nur Sex zu wollen sieht man in anderen Ländern manchmal negativ, aber warum eigentlich?“, fragt er. „Wenn er am Anfang steht, bauen sich keine großen Erwartungen auf. Und wenn sich eine Beziehung ergibt, liegt es an der gewachsenen Nähe – nicht daran, dass man jemanden hinhält.“

Casual Dating als Weg der Gleichberechtigung

 

Auch heute noch sind unsere Gespräche rund um Sex so sehr von kulturellen Erwartungen geprägt, dass es schwer sein kann zu verstehen, dass a.) das Zusammenschlafen nicht zwangsläufig die höchste Stufe der Intimität ist, und b.) dass es gut sein kann sich Zeit zu lassen, bevor man sich mit Haut und Haaren auf eine Beziehung einlässt.

Der norwegische Ansatz für die Partnersuche zeigt, dass beide Aussagen zutreffen. Wenn man dem Sex die Schwere und Bedeutungskraft nimmt, schafft man neue Bedingungen.

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Das gilt besonders für Frauen, die im Dating-Prozess traditionell die passive Rolle haben.
Wir haben die Ära der Prüderie hinter uns gelassen, und doch gilt Sex bei heterosexuellen Dates immer noch als Tauschgeschäft – etwas das Frauen dem Mann, der von Begierde getrieben wird, schenken.

„In Norwegen gibt es keinen Grund Frauen zu bedauern“, sagt Julien. „Sie haben nicht das Gefühl, dass sie Männern etwas schulden. Sie fühlen sich gleichwertig.“ Indem die Stigmatisierung des schnellen Sex wegfällt, sind Frauen, „frei, ihre Sexualität zu leben, wie sie es für richtig halten“, ergänzt er. Sie müssen Sexualität nicht als Pfand einsetzen.

 

Diese Betonung der Gleichberechtigung erstreckt sich auf alle Beziehungen in Norwegen. So sehr, dass Michael und alle anderen internationalen Studenten in einer Vorlesung mit dem Prinzip des Casual Dating konfrontiert wurden. „Dass die Universität dies als wichtige Lektion ansah, um uns bei der Integration zu helfen, war ja schon sehr interessant“, sagt er.

„Ich denke, die norwegische Casual-Dating-Kultur ist vernünftig und fortschrittlich. Sie ermöglicht es Menschen sich ohne Druck kennenzulernen und Beziehungen zu erproben. Ein Prinzip, dass auch in anderen Ländern das Miteinander erleichtern könnte.“

Die eigenen Wünsche kennenlernen

 

Natürlich ist auch in Norwegen nicht alles rosarot. Genau wie anderswo auf der Welt hat sich die Beziehungskultur durch Dating-Apps verändert.

„Ich denke, wir sind mit Tinder & Co. auf dem falschen Weg, und ich spreche im Namen vieler meiner Freunde – sowohl Frauen als auch Männer“, sagt Robin.

„Es scheint, dass die meisten Leute, wenn sie Dating-Apps benutzen, ein Date nach dem anderen machen. Viele dieser Leute sagen, dass sie nach einer Beziehung suchen, aber das tun sie nicht ernsthaft. Sie spielen nur und respektieren diejenigen nicht, die nach mehr als einem One-Night-Stand suchen. Und ich denke, die Apps haben großen Anteil an dieser neuen Unverbindlichkeit.“

Die Mehrdeutigkeit der norwegischen Dating-Kultur kann ebenfalls problematisch sein.

„Sie kann mehrdeutige Signale auslösen, zu Gefühlsverwirrungen und verletzten Gefühlen führen, und es kann schwierig sein herauszufinden, ob jemand dich als Affäre oder als zukünftige Beziehung sieht“, sagt Linn.

Und die Kehrseite von Sex, der keine große Sache ist, ist, dass man eine ständige Bereitschaft zu Sex erwartet, und da mag nicht jeder mitspielen.

 

Michael stimmt zu, dass Norwegens Dating-Szene nicht der Weisheit letzter Schluss ist.

„Ich habe viele Geschichten über One-night-stands gehört, die sich trotz der Bemühungen einer Partei nicht weiterentwickelt haben“, sagt er.

„Ich habe auch Geschichten gehört von Leuten, die ein paar Dates mit jemandem hatten inklusive Sex und dann geghostet wurden. Trotzdem ist der norwegische Weg meiner Meinung nach besser. Wenn du erstmal eine emotionale Verbindung aufgebaut hast und du dann geghostet wirst, trifft es dich härter, als wenn du nur Sex gehabt hast.“

Am Ende kommt es darauf an, wie man persönlich damit umgeht.

„Ich denke, der norwegische Ansatz bedeutet mehr Lockerheit beim Dating – wenn man selbstbewusst genug ist, seine eigenen Wünsche klar zu kommunizieren“, sagt Linn.

„Die Tatsache, dass Dating eine ziemlich lässige Sache ist, erlaubt dir, Beziehungen zu testen und herauszufinden, was für dich funktioniert.“

Images: Shutterstock, Moviestillsdb


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