Warum man den 40. Geburtstag dazu nutzen sollte, toxische Freundschaften endgültig zu begraben

Schon am Ton der Klingel – lang, nachdrücklich, scheinbar lauter als sonst – erkannte ich, wer unten vor der Tür stand. Manchmal erwog ich kurz, nicht zu öffnen. Dann tat ich es doch. Denn eigentlich war sie ja nett! Gelegentlich gingen wir zusammen zu Partys und verbrachten lange und lustige Nächte. Nun aber musste sie ein paar Stunden bis zur nächsten Vorlesung überbrücken, oder es gab Probleme mit ihrem Freund. Oder beides.

Seufzend schloss ich mein Buch, stellte einen Aschenbecher bereit und kippte das Fenster meines winzigen Wohnheim-Zimmers, um den Rauchmelder abzulenken. Clara würde auf meinem Bett Wurzeln schlagen, einen Becher Kaffee nach dem anderen leeren, in meinem zehn Quadratmeter großen Kämmerchen Kette rauchen und auf mich einsprechen, bis sie nach zwei, drei oder auch fünf Stunden heiter und gestärkt aufbrechen und mich als erschöpftes Wrack zurücklassen würde.

 

Claras Besuche – oder waren es Heimsuchungen? – bildeten nicht nur während des Studiums eine bizarre Konstante in meinem Leben. Auch nach dem Examen hielt sie Kontakt; nicht zuletzt, weil es uns beide in dieselbe Region verschlug.

Nur dass sie nun nicht mehr ins Haus schneite, sondern Verabredungen plante. Mit dabei: ihr frisch angeheuerter Gatte. Alles andere blieb: Die Besuche dauerten nie unter sechs Stunden, es wurde viel geraucht und noch mehr gesprochen. Die Themen hatten sich verdoppelt, ohne sich wesentlich geändert zu haben: ihre Reisen, ihre Pläne, ihre Zukunft. Bis zur Frage, was uns so beschäftigte, kam es in diesem zweistimmigen Monolog nur selten. Regelmäßig fiel ich in eine Art Wachschlaf, was niemand bemerkte, da sich meine Beiträge auf gelegentliches zustimmendes Grunzen beschränkten.

 

„Warum tust du uns das an?“, fragte mein Freund eines Nachts, nachdem er mehrere Stunden lang den Selbstreflexionen der beiden gelauscht hatte. „Eigentlich sind sie ja nett“, beharrte ich und trug die leeren Weinflaschen in die Küche. So schleppte sich die in die Jahre gekommene Freundschaft weiter. Clara und ich tauschten Weihnachtskarten und Urlaubsgrüße, und ab und an brachen die beiden über uns hinein wie ein grippaler Infekt, der uns blass und geschwächt zurückließ. Manchmal fragte Clara jäh, wie es mir in meinem letzten Job ergangen war, und ich erklärte ihr geduldig, dass ich dort schon vor drei Jahren gekündigt hatte. Wir wurden 30, wir wurden 35. Sie war ja nett, nur eben anstrengend – und so gar nicht an mir interessiert. Nichts Persönliches, sagte ich mir, sie hatte eben eine etwas egozentrische Weltsicht. Die langen Partynächte, die früher einen Ausgleich für die ermüdenderen Aspekte unseres Miteinander geboten hatte, gab es längst nicht mehr.

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Eine Bagatelle brachte schließlich die Wende. Ich befand mich in einer stressigen Phase, beruflich und privat. Clara rief an und begann mit ihrer üblichen Dampfplauderei, ohne zu fragen, wie es mir ging (schlecht) und ob ich überhaupt Zeit hatte (hatte ich nicht). Eigentlich ist das nicht nett, dachte ich, während sie auf mich einsprach. Warum machte ich das eigentlich immer noch mit? War nicht auch meine Zeit bemessen? Plötzlich reichte es, und zwar endgültig.

 

Mit dieser Erkenntnis war ich spät dran. Psychologen stimmen darin überein, dass der Mensch rund um den 30. Geburtstag den größten Schwund im Freundeskreis verbucht. Zum Teil liegt es daran, dass man in den Zwanzigern schnell Freundschaften schließt: im Studium, in neuen Jobs und auf Partys. Gegen Ende des Jahrzehnts ändert sich das zumeist. Beruflich bedingte Umzüge, weniger Freizeit durch größeres Engagement im Job, Hochzeiten und Familiengründung sorgen dafür, dass sich viele Wege trennen und zum 35. Geburtstag deutlich weniger Gäste am Tisch sitzen als beim 25. auf den Tischen tanzten. Die Freundschaften, die diese dynamischen Jahre der Veränderungen überdauern, sind in der Regel von Dauer, viele von ihnen halten sogar das ganze Leben.

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Den nächsten runden Geburtstag begreifen wir gerne als Gelegenheit, das ganze Leben auf den Prüfstand zu stellen. Denn die Zeit, die sich zehn Jahre zuvor noch endlos zu erstrecken erschien, ist kostbarer geworden. Statt sich nur über der Frage zu zerfleischen, was man nun alles schon erreicht hat und was vielleicht noch nicht, kann es sich lohnen, den Blick auch in die nähere Umgebung zu richten. Selbstkritik ist gut und sinnvoll, doch der 40. ist nicht nur ein guter Zeitpunkt, um mit den eigenen schlechten Gewohnheiten aufzuräumen. Er kann auch Anlass sein darüber nachzudenken, welche Menschen um uns herum Wohlbefinden erzeugen und welche eher Empfindungen hervorrufen, die an die emotionalen Begleiterscheinungen einer Zahnwurzelbehandlung oder einer Magenverstimmung erinnern.

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Auch wenn es sich im ersten Studienjahr manchmal so anfühlte: Das Leben ist nicht nur zu kurz, um schlechten Wein zu trinken. Es ist auch zu kurz, um es mit Leuten zu teilen, die sich nur für sich selbst interessieren. Geben mag seliger als nehmen sein – in einer Freundschaft sollte sich beides aber die Waage halten, zumindest einigermaßen. Natürlich gehört zu jeder Freundschaft auch das Zuhören, insbesondere, wenn der andere Probleme hat. Aber ein Jahrzehnte währender Redeschwall? Nein. Ich löschte Claras Nummer aus meinen Kontakten und fühlte mich seltsam befreit.

 

Mein Blick wanderte über die ganze Liste. War da vielleicht noch der eine oder andere, dessen Kontaktdaten nur die Überreste eines längst vergangenen Zeitalters waren? Einer Ära, in der eine Freundschaft funktioniert hatte, die sich an neue Lebensumstände aber nicht anpassen wollte? Der einstmals nette Typ, der nur noch über sein Haus, seine Autos und sein Garagenvordach sprach – weg! Eine alte Bekannte, die alles und jeden verurteilte – weg! Die Schulfreundin, die alles so schwarz sah, dass sie stets depressive Stimmung verbreitete – weg!

Kompakter als zuvor schaute mein Telefonverzeichnis mich an. Es war geschrumpft, aber voller vertrauter Namen und freundlicher Gesichter. Ein wenig fühlte ich mich wie nach einem Aufräumrausch nach den Lehrsätzen von Marie Kondo: „Nicht ärmer, aber aufs Wesentliche fokussiert. Behalten, was glücklich macht!“ Das bedeutet nicht, wegzuwerfen, was (oder wer) keinen unmittelbaren Nutzen verspricht. Aber es birgt die Chance, sich intensiver den Menschen zu widmen, die einem wirklich wichtig sind. Wenn nicht jetzt, wann dann?

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