Nicht nur chillen: Warum es sinnvoll ist, sich Ängsten zu stellen – und das ausgerechnet im Urlaub

Zögernd stand ich auf der kleinen hölzernen Plattform in der Krone eines hohen Baums. Vor mir öffnete sich eine Schlucht. Am gegenüber liegendem Hang sah ich einen anderen Baum. Er schien in sehr weiter Ferne zu liegen. Ein Schild behauptete zwar, es seien nur 30 Meter, doch das erschien mir stark untertrieben. Auf diesem Baum sollten jedenfalls meine Füße landen, wenn ich, in einem Gurt an Seilen hängend, über eine ziemlich tiefe Schlucht geschwebt war. Zum Glück litt ich nur an milder Höhenangst; von einer Phobie konnte keine Rede sein. Die soliden Drahtseile über dem Abgrund, die mich hielten, das Geschirr, in dem man mich befestigt hatte, und der Helm auf meinem Kopf flößten mir zu dritt so viel Vertrauen ein, dass die Höhe schnell zu meinem kleineren Problem wurde. Denn ich befand mich im tropischen Regenwald des nördlichen Queensland, einer Gegend, deren Reize auch Reptilien schätzen. Genauer gesagt: Schlangen.

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Zunächst hatte ich diesen Gedanken an den Rand des Bewusstseins geschoben. „Manchmal sonnt sich eine Python auf den Plattformen“, berichtete jetzt vergnügt einer der Angestellten, die unsere Gruppe fürs Ziplining einschirrten. Sofort brach mir Schweiß aus. Vergebens führte ich mir vor Augen, dass ja höchstens nur der erste unserer Gruppe eine dösende Schlange aufwecken würde. Allein die Vorstellung einer Landung vor einem eingerollten Reptil genügte, um mich in Schnappatmung zu versetzen.

 

Tatsächlich bestehen viele Ängste, die den Menschen plagen, vor allem Teil aus Kopfkino. Darunter fallen nicht die durchaus vernünftigen Bedenken, die uns vor den unterschiedlichsten Gefahren schützen und die die meisten von uns daran hindern, waghalsige Risiken einzugehen. Wer völlig angstfrei durchs Leben geht, hat vermutlich mehr Unfälle als vorsichtigere Naturen; die Angst gehört nicht umsonst zu den Instinkten, die das Überleben des Menschen unterstützen. Doch Furcht – vor Höhen, vor weiten Plätzen, vor Menschenansammlungen, vor dem Fliegen –  kann unverhältnismäßig werden und den Menschen in seiner Bewegungsfreiheit ebenso wie im Ausschöpfen seiner Möglichkeiten einschränken.

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Es ist tröstlich zu wissen, dass Angststörungen behandelbar sind. Beunruhigender ist das Wie. Denn die meisten Therapeuten stimmen darin überein, dass die Furcht sich durch Erfahrung besiegen lässt – schlicht und einfach, indem man sich der scheinbar bedrohlichen Situation aussetzt, sich also mit dem Auslöser der Angst konfrontiert. Schon vor sechzig Jahren empfahl der österreichische Psychiater Viktor Frankl – der nicht nur das Konzentrationslager überlebt hatte, sondern später regelmäßig auf Alpengipfel kletterte und noch mit 67 Jahren den Pilotenschein machte – sich Ängsten zu stellen: „Muss man sich denn auch alles von sich gefallen lassen? Kann man nicht stärker sein als die Angst?“, so fragte er und lieferte die Antwort gleich mit: Nein, das muss man nicht. Es gilt nicht nur für Angststörungen, sondern genauso für Ängste, die uns im Alltag behindern, statt uns vor Gefahren zu warnen und zu schützen.

 

Konfrontation ist der kürzeste Weg aus der Angst

Bis heute ist von Frankls Maxime kaum ein Wissenschaftler abgerückt: Die Konfrontation mit der Angst gilt noch immer als der beste Ausweg. Allerdings erfordert diese Strategie Mut. Undenkbar erschien es mir auf meinem australischen Baum, mich einer Schlange bewusst zu nähern. Zu Hause war das Risiko einer Begegnung sowieso gering genug, um die harte Tour – Desensibilisierung durch Konfrontation – zu vermeiden. Trotzdem: Ich wollte mir von den Viechern nicht länger den Australien-Urlaub vermiesen lassen.

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Dass der Rückweg zum Boden über die Treppe keine Option war, war klar. Zwar wusste ich, dass jeder in unserer Gruppe meine Entscheidung, nicht durch den Regenwald zu fliegen, ohne Frage akzeptiert hätte – aber ein wenig kitzelte auch der Ehrgeiz. Die ersten drei waren bereits unter Freudengeheul über die Schlucht gesetzt. Ihr Lärmen musste jede Schlange mit einem Hauch von Selbstachtung in die Flucht getrieben haben.  Ich holte Atem, stieß mich ab und sauste hinterher. Es war fantastisch – ich hing so sicher im Gurt, dass mich der Abgrund überhaupt nicht beunruhigte. Stattdessen genoss ich das Gefühl, durch den Wald zu fliegen. Schon tauchte das Ziel vor mir auf. Das Seil führte bergan und drosselte so mein Tempo. Genug Zeit, um mit den Augen hektisch Äste und die Plattform im Baum abzusuchen. Doch ich war allein. Kein Tier ließ sich blicken.

 

Lachen als Befreiungsschlag

Neben der Konfrontation hilft auch Humor gegen die Angst. Barbara Wild, Neurologin, Psychiaterin und Chefärztin der Fliedner Klinik in Stuttgart, setzt daher bei ihrer Arbeit auch auf die Macht befreienden Gelächters. Humor sei ein wichtiger Verbündeter gegen die Angst, so die Expertin.  Das von ihr herausgegebene Buch „Humor in Psychiatrie und Psychotherapie“ beschreibt diese und andere positive Wirkungen des Lachens. In ihrer Klinik in Stuttgart wird Patienten mit Angststörungen eine Kombination aus Konfrontation mit der Furcht und einem speziellen Humortraining angeboten. Denn Lachen bedeutet unmittelbare Entspannung und wirkt daher in emotional aufwühlenden Situationen wie ein Befreiungsschlag.

In meinen australischen Baumkronen ahnte ich nichts von der heilsamen Wirkung des Humors.  Die Python, die ich beim Sonnenbad gestört hätte, hätte schon einen sehr guten Witz machen müssen, um mich nicht in echte Panik geraten zu lassen. Zum Glück kam es nicht dazu. Stattdessen spürte ich die Euphorie, die die überwundene Angst freigesetzt hatte, und trug auf den folgenden Etappen ein breites, glückliches Lächeln im Gesicht.

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Die Überwindung der Angst beschert Glücksgefühle und mehr Selbstvertrauen

Zurück am Boden hätte ich das Erlebnis nicht missen wollen. Zwar hatte ich meine Phobie nicht abgeschüttelt. Aber darum ging es ja auch nicht; ich wollte das Erlebnis, fast geräuschlos durch den Regenwald zu fliegen, nur nicht meiner irrationalen Angst vor Reptilien opfern müssen. Allein das Wissen, nicht gekniffen, sondern die Angst für diesen Moment überwunden zu haben, bescherte mir nun ein Hochgefühl. Zugleich hatte mir das Dschungel-Surfen gezeigt, dass die Viecher eben nicht überall lauerten, bereit, mich anzugreifen, wenn ich nur einen Moment unaufmerksam war, und das bedeutete eine nützliche Erkenntnis für die Zukunft. Und noch eines merkte ich mir: Im Liegestuhl am Strand hätte ich diese Erfahrung nicht gemacht. Das Dschungel-Surfen blieb auch in der Erinnerung ein Highlight der Reise.

 

Tatsächlich stellt der Urlaub eine günstige Gelegenheit dar, sich mit den eigenen Ängsten zu beschäftigen – auch, wenn man sich eigentlich erholen möchte. Dabei sollte man sich nicht vornehmen, sich echten Phobien stellen; wer an starken Ängsten leidet, sollte sich fachlicher Hilfe versichern. Auch das Überwinden leichten Unbehagens oder milder Angst öffnet neue Horizonte und beschert ein persönliches Erfolgserlebnis. Fern des Alltags sind die meisten Menschen eher dazu bereit, sich in unbekannte Gewässer zu wagen und Neues zu erproben. Auch das Gefühl der Sicherheit in einer Reisegruppe, in der die Chemie stimmt und viel gelacht wird, kann den Einzelnen dazu motivieren, einen Schritt weiter zu gehen, als er es sich sonst zutraut. Im Urlaub ist man entspannter und offener. Das gilt nicht nur für das Kennenlernen anderer Menschen, sondern auch für neue Erlebnisse und Erfahrungen – oder Sportarten. Wer noch nie getaucht ist und sich in einem tropischen Meer zum ersten Mal mit schwerem Gerät unter Wasser wagt, wird diesen Tag so schnell nicht vergessen. Vielleicht ist es sogar der Beginn einer lebenslangen Leidenschaft.

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Genauso funktioniert es mit anderen Erlebnissen, die den Reiz des Neuen mit positiver Nervosität verbinden. Das kann eine Fahrt hinter Schlittenhunden in Lappland sein oder das Abseilen des Tafelberges. Gerade wer dabei Unsicherheit, vielleicht auch Angst verspürt, kann von der Erfahrung, die Herausforderung zu bewältigen, nur profitieren. Das bedeutet natürlich nicht, Risiken einzugehen, sich oder andere in Gefahr zu bringen. Es geht vielmehr darum, die eigene, individuelle Angstgrenze ein kleines Stück nach hinten zu versetzen. Der Lohn ist zunächst ein Hochgefühl und auf lange Sicht mehr Selbstvertrauen. Und das ist ein Mitbringsel, mit dem man auch zu Hause eine Menge anfangen kann.

 

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