Noch eine Ziegenmilch, bitte: Was wir von den Hundertjährigen der Welt lernen können

Stefanie Bisping

Treffen sich ein Italiener aus Sardinien, ein Japaner aus Okinawa, ein Grieche von der Insel Ikaria, ein Amerikaner aus Loma Linda und ein Costa-Ricaner von der Nicoya-Halbinsel. Sie sprechen unterschiedliche Sprachen, haben unterschiedliche Meinungen, entstammen unterschiedlichen Kulturen. Aber sie haben auch einiges gemeinsam: Sie sind fit, beweglich, gesund – und alle über neunzig Jahre alt. In ihren Heimatorten fallen sie damit kaum auf. Dort gibt es sogar unabhängig vom Geschlecht auffällig viele gesunde und bewegliche Greise. Klar, dass wir uns von den Bewohnern dieser „blauen Zonen“ der Welt einiges abschauen wollen.

Den Begriff der „Blue Zones“ für diese Regionen hat der Journalist Dan Buettner schützen lassen. Er ist Autor der bislang nicht ins Deutsche übersetzten Bücher The Secrets of a Long Life (Die Geheimnisse langen Lebens) und  The Blue Zones: Lessons in Living Longer from the People Who’ve Lived the Longest (Die blauen Zonen: Was wir von den Menschen, die am längsten leben, über langes Leben lernen können). Zunächst prägten die Demografen Gianni Pes und Michel Poulain den Begriff bei ihrer Arbeit auf Sardinien, dann erweiterte das Trio ihn gemeinsam.

Bevor er sich intensiv mit dem Thema beschäftigte, war Buettner auf demografische Studien gestoßen, denen zufolge Japaner auf der Inselgruppe Okinawa dreimal häufiger ihren 100. Geburtstag feiern können als Amerikaner. Statistisch konnten sich die Bewohner Okinawas auf sieben gesunde Jahre mehr freuen als die Menschen in den USA. Die Insel Ikaria kann sogar den höchsten Anteil der über Neunzugjährigen auf der Welt vorweisen. Doch auch in den USA gibt es Menschen, die sehr alt werden. Sie leben auf einem sehr kleinen blauen Flecken, nämlich im kalifornischen Loma Linda. Dass es sich dort bei den gesunden Senioren um Mitglieder der Siebenten-Tags-Adventisten handelt, deutet bereits darauf hin, dass der Lebenswandel auf dem Weg in ein möglichst hohes Alter eine entscheidende Rolle spielt.

„Die gesündesten, ältesten Menschen des Planeten können uns vieles lehren, damit wir selbst ein längeres, erfülltes Leben führen,“ erklärt Buettner. „Wenn Weisheit die Summe von Wissen plus Erfahrung ist, dann besitzen diese Individuen mehr Weisheit als irgendjemand sonst.“

Was also verbindet die Mitglieder einer Glaubensgemeinschaft an der amerikanischen Westküste mit den Bauern im Bergland Sardiniens, den Bewohnern einer japanischen Inselgruppe, einer Halbinsel in Costa Rica und der griechischen Insel Ikaria, die geografisch kaum weiter voneinander entfernt sein könnten? Eine ganze Menge, stellte Buettner fest.

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Im Bewegung bleiben

So sehr wir Boris Becker einst für seinen Becker-Hecht bewunderten, so bedauerlich ist, was der Wille, immer wieder ans Limit (und darüber hinaus) zu gehen, mit seinem Körper gemacht hat. Natürlich ist Hochleistungssport selten gesund. Gar keinen Sport zu treiben, ist ebenfalls nicht förderlich. Der goldene Mittelweg ist also das Mittel der Wahl. Weder sardische Bauern noch griechische Fischer gehen regelmäßig ins Fitness-Studio. Aber sie bewegen sich, jeden Tag, ihr Leben lang. Wer kein Auto hat und in einem Bergdorf lebt, muss sich nicht mit Pilates mühen. Berge hinauf und hinab zu laufen und im Garten zu arbeiten bedeutet Fitness im Alltag – bis ins hohe Alter. Apropos Arbeit: Das Konzept des Ruhestands scheint nicht zur Langlebigkeit beizutragen. In den blauen Zonen arbeiten die Menschen bis zuletzt – in Haus, Garten oder im Familienbetrieb. Allerdings ohne Stress und mit regelmäßigen Pausen, wie sie es ihr Leben lang gemacht haben.

Essen, was der Garten hergibt

Man muss nicht Vegetarier sein, um den 100. Geburtstag zu feiern, aber es schadet nicht. Die Hundertjährigen aller blauen Zone ernähren sich nicht ausschließlich, aber ganz überwiegend pflanzlich. Die Ikarianer bevorzugen Kartoffeln, Kichererbsen, Bohnen und Ziegenmilch, essen dazu aber kaum Fleisch. In allen blauen Zonen ist die Ernährung regional geprägt: In Japan sind Soja und Algen wichtig, in Costa Rica Mais, Kürbis und Bohnen. In Loma Linda, wo die Menschen sich nach einer durch die Bibel inspirierten Diät ernähren, und auf Sardinien bilden Vollkornprodukte, Nüsse und Früchte einen Schwerpunkt. In allen blauen Zonen essen die Menschen viel Gemüse, das ohne Chemie gezogen wird. Das ist längst nicht mehr selbstverständlich, aber durch Biosiegel sind gift- und chemiedüngerfreie Produkte auch bei uns leicht zu erkennen. In den Bergdörfern Sardiniens spielen auch Ziegen- und Schafmilch eine große Rolle. In allen Regionen essen die Menschen maßvoll.

Wie steht es mit dem Alkohol?

Die gute Nachricht zuerst: Auch Hundertjährige trinken, und nicht wenige schon seit vielen Jahrzehnten. Die schlechte: Sie bestellen nur selten ein zweites Glas Wein. In den Bergdörfern Sardiniens trinken die Menschen gerne Rotwein, am liebsten den schweren Cannonau. Allerdings in so geringen Mengen, dass die positive gesundheitliche Wirkung der Inhaltsstoffe die weniger förderliche Wirkung des Alkohols überwiegt. Eine Ausnahme sind die Menschen in Loma Linda, die aus religiösen Gründen ganz auf Alkohol (und Tabak!) verzichten. Insgesamt aber gilt: Wein ist förderlich, aber nur in kleinen Mengen.

Soziales Engagement und Beziehungen

In den blauen Zonen ist der familiäre und soziale Zusammenhalt sehr ausgeprägt. Wer sich auf ein funktionierendes Netzwerk verlassen kann, feste Kontakte und Bezugspersonen hat, ist glücklicher und lebt länger. Ob es sich dabei um eigene Nachkommen, Geschwister, Cousins und Cousinen oder Freunde und Nachbarn handelt, spielt eine untergeordnete Rolle. Wer freundliche Menschen um sich hat, fühlt sich eingebunden. Wer sich um andere kümmert, weiß, warum er am Morgen aufsteht.

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Spiritualität als Sinnstifter

So unterschiedlich wie ihre Geografie ist auch das kulturelle Umfeld der Blauen Zonen. Die meisten beweglichen Hundertjährigen verbindet aber auch eine spirituelle oder religiöse Dimension ihres Lebens. Spiritualität wirkt sinnstiftend und hilft, das eigene Leben zu reflektieren und in einen größeren Zusammenhang zu stellen. Dabei ist es einerlei, ob man zu einer Glaubensgemeinschaft gehört, meditiert oder sich mit dem Universum austauscht.

Die Kunst des einfachen Lebens

Ein funktionierendes soziales Netzwerk, produktive Beschäftigung, Arbeit im Garten, gesunde Ernährung – der Weg zur Langlebigkeit ist im Grunde ganz einfach. Unser Lebensstil erschwert ihn dennoch, sonst gäbe es deutlich mehr blaue Zonen auf der Welt. Konsum, Konkurrenzdenken und auch unser Ehrgeiz kosten Energie, erzeugen Stress und machen uns das Leben schwer. es lohnt sich, ab und zu einen Schritt zurückzutreten und sich das Gesamtbild anzuschauen. Was ist wichtig, was nicht, was stört? Einiges lässt sich nicht immer vermeiden, etwa Stress im Job. Er lässt sich aber ausgleichen: durch eine Mittagspause im Park, einen Spaziergang, eine Auszeit auf dem Sofa. Und ab und zu durch ein Glas Rotwein auf das Wohl der Hundertjährigen.

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