“Ich bin über 30, habe keine Verpflichtungen und könnte nicht glücklicher sein“

Ich muss Euch ein Geständnis machen: Ich bin erwachsen – aber irgendwie auch noch nicht. Ich besitze weder Eigenheim, noch Auto. Obwohl ich längst in den Dreißigern angekommen bin, kommt mir der Wunsch nach Kindern oder einem geregelten Leben nicht in den Sinn. Vielleicht warte ich immer noch auf das Lehrbuch „Wie tausche ich eine Steckdose aus und andere Fähigkeiten, mit denen ein Vater auf die Welt kommen sollte“. Aber wisst Ihr was: Es geht mir richtig gut dabei!

Dass sich Frauen einem gewissen Druck gegenüberstehen, wenn die große Drei vor der Null näher kommt, ist nichts Neues. Wer in diesem Alter noch keinen Ring am Finger trägt, wird von den Gazetten gern als „verzweifelt“,„mit unerfülltem Kinderwunsch“ oder als „unausgeglichen“ dargestellt. Jedes halbwegs bekannte Wesen mit Gebärmutter, das im Alter von Dreißig-plus noch auf dem Markt ist, landet in einer oder gleich mehrerer dieser Schubladen. Wenn Ihr mich fragt, zählt das zu den am wenigsten hilfreichen, verkehrtesten Mediennarrativen, die es gibt.

Doch was vielleicht weniger bekannt ist: Uns Jungs ist der Druck auch nicht fremd. Ein Flüstern ins Ohr, ein Augenrollen – er kommt sogar aus unserem persönlichen Umfeld. Das schiefe Grinsen mit dem begleitenden Schulterzucken stammt von meinem besten Freund, der bereits seit fast einem Jahrzehnt unter der Fuchtel seiner Liebsten steht. Was er mir damit sagen will? Ich soll endlich aufhören, Tinder-Bilder nach rechts zu wischen. Der Druck kommt auch häufig ohne Worte daher, aber er kommt. Und dann hängt er in der Luft wie der Gestank deiner ungewaschenen Sportausrüstung nach einer guten Trainingseinheit im Gym.

Die Wahrheit ist: Ich bin für dieses Erwachsenenleben-Ding einfach noch nicht bereit. Kinder? Ich habe nicht einmal selbst genug Zeit für meine PlayStation. Arbeiten und Reisen sind die beiden Lieben meines Lebens. Und die bin ich nicht bereit zu opfern. Ganz sicher nicht für den einen Pauschalurlaub im Jahr, der bereits mit einem plärrenden Kleinkind auf dem Schoß im Flieger nach Alicante beginnt. Ich bin das Posterkind der „Generation Miete“ im Herzen der Großstadt. Seit meinen Zwanzigern arbeite ich in einem Job, den ich liebe und reise wann immer es geht. Jetzt bin ich in den frühen Dreißigern angekommen – und was soll ich sagen? Die Gier ist noch da. Auf einer Skala von eins bis Hugh Grant in About a Boy, im Mann-Kind-Spektrum gebe ich mir eine sechs. Und damit kann ich gut leben.
Ohne Kredit und ohne Baby: Die Dreißiger genießt man am besten ohne Verantwortung.

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Es muss da draußen noch andere geben, die eine ähnliche Einstellung entwickelt haben und sich fragen, wann das Erwachsenenleben nun eigentlich beginnt. Die Leute heiraten nicht mehr so früh, wie in vergangenen Zeiten. Wir sind jetzt alle mehr Karriere-fokussiert. Nach dem Zusammenbruch der alten Gesellschaftsnormen ist auch die Messlatte eine andere geworden. Und wie Cristiano Ronaldo zirka 2008 gefällt es mir gerade zu gut, den Ball in der Luft zu halten. Deshalb verzichte ich lieber auf das zu einfache, zu vorhersehbare Tor. Stattdessen genieße ich die Erfahrung.

Natürlich ist es egoistisch, sich zur Lust an fehlender Verantwortung zu bekennen. Aber wie es der Zufall will: Gerade im letzten Jahr habe ich meine Unabhängigkeit wirklich zu schätzen gelernt. Vor zwölf Monaten habe ich mich als Freelancer selbständig gemacht und das hat noch einmal alles auf den Kopf gestellt.
Nachdem ich diesen Grad an Flexibilität kennenlernen durfte, kombiniert mit der Möglichkeit, Arbeit und Reisen zu verbinden, bin ich mir nicht mehr sicher, ob ich jemals wieder mit geregelten Arbeitszeiten zurechtkommen werde.

Eine meiner Lieblingstheorien lautet: Das Leben in der Großstadt ist darauf ausgerichtet, uns jung zu halten. Wir befinden uns in einer Neverland-ähnlichen Blase. Und die macht es äußerst unwahrscheinlich, dass wir von der stumpfsinnigen Eindimensionalität des modernen Lebens rund um Vergänglichkeit und Verantwortung eingefangen werden. Stattdessen umgibt uns ein nicht enden-wollender Tanz aus Einladungen zum Brunch und Wochenenden auf der Piste, der Köper, Geist und Seele unaufhörlich neu auflädt.

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In der Zwischenzeit sind unsere Freunde, die sich für den konventionellen Weg entschieden haben, im Handumdrehen alt geworden. Es ist wie beim Erwachsenwerden-Bingo. Ein Häkchen auf dem Spielschein folgt dem nächsten. Erst kommt der Immobilienkredit, dann die Familienkutsche, dann die durchschnittlich 2,4 Kinder pro Paar. Eher man sich versieht, heißt es „Full House“. Selbstredend fiel die Entscheidung für gerade dieses Haus, weil es in der Nähe der besten Schule liegt.

Die Universitäten von Oxford und Hongkong haben für eine gemeinsame Studie 22 britische Städte unter die Lupe genommen. Dabei stellte sich heraus, dass die Einwohner innerstädtischer Wohngebiete in geringerem Maße unter Fettleibigkeit litten und häufiger trainierten, als ihre Kontraparts vor den Toren der Stadt. Anders ausgedrückt: Die quirligen Innenstädte zeigten dem ruhigen Vorstadtleben in Bezug auf Gesundheit, Wohlbefinden und Glück die Rücklichter.

Eigenheimbesitz wird – wie ich finde – sowieso ein bisschen überschätzt. In vielen westlichen Nationen wird keiner schief angesehen, wenn er in fortgeschrittenem Alter immer noch zur Miete wohnt. Vor kurzem war ich zum Beispiel zu Gast in Kopenhagen. Ich mietete mich in einem Airbnb-Appartment ein, dessen Bewohnerin Anfang Fünfzig war, aber lässig für Anfang Vierzig durchging. Sie reiste sehr viel und lebte seit 20 Jahren in dieser Wohnung – abgesehen von den zwei Jahren, die sie in Australien verbracht hatte. Das Zimmer, das sie mir gab, vermietete sie gelegentlich unter, um ihren Sohn bei der Finanzierung der Kunstschule zu unterstützen. Sie war Single, ließ sich dadurch aber nicht definieren, arbeitete als Kreativdirektorin bei einem führenden Finanzinstitut – und wohnte selbst zur Miete. Diese Frau liebte ihr Leben so wie es war. Für mich war es äußerst erfrischend, jemanden zu erleben, der sich als Single total wohl in der eigenen Haut fühlte.

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Versteht mich nicht falsch: Ich habe selbst Freunde, für die es das höchste der Gefühle ist, verheiratet zu sein und Kinder zu haben. Während ich dies schreibe, postet ein alter Freund gerade Fotos seines Erstgeborenen (Ein schöner Junge!) live aus dem Krankenhaus in unserer Whatsapp-Gruppe. Und wie vorherzusehen war hat er bereits zwei Kommentare mit praktisch demselben Witz zurückbekommen: „Hast du dich schon von deinem Schlaf verabschiedet?“

Auch ohne die diktatorische Vereinnahmung meiner Schlafgewohnheiten: Wenn ich mir vorstelle, ich trüge nun die Verantwortung für ein winziges, menschliches Wesen, bekomme ich Fluchtreflexe. Jedem das seine. Die Dreißiger sind ein wichtiges Jahrzehnt und wie auch immer man sie verbringt: Wenn man glücklich ist, tut man das richtige.

Im Moment jedenfalls besteht mein Plan darin, mehr von der Welt zu sehen. Ich möchte meine Freiheit nutzen, um Länder und Kontinente zu erforschen, die ich bisher noch nicht auf dem Schirm hatte. Allein im letzten Monat war ich in Deutschland, Dänemark und Island (einen kleinen Eindruck von dessen majestätischer Weite konnte ich mit dem iPhone einfangen). Damit liege ich bei meiner „12 Länder in 12 Monaten“-Challenge aktuell schon ziemlich weit vorne. Wer weiß schon, wo die Straße am Ende hinführt? Genießen wir doch einfach die Reise.

Images: Joe Ellison, Flash Pack

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