Die berufliche Sandwich-Generation

Stefanie Bisping

Jenseits der dreißig erreicht der Mensch auch beruflich die besten Jahre. Endlich haben wir so viel Erfahrung und Selbstvertrauen, dass es ernsterer Katastrophen bedarf, um unsere Übersicht und Ruhe ins Wanken zu bringen. Zugleich befinden wir uns auf dem Höhepunkt unserer Leistungsfähigkeit. Ein herrlicher Zustand! Kein Wunder ist es da, dass ab den frühen Dreißigern die Karriere große Sprünge macht. Trotzdem ist auch dieser segensreiche Abschnitt der beruflichen Laufbahn kein völlig spannungsfreies Feld. Im Gegenteil: Wer mit Kollegen zusammenarbeitet, die entweder lange vorher oder deutlich später auf den Arbeitsmarkt gelangten, kann gelegentlich das Gefühl haben, sich in einem Minenfeld zu bewegen – oder in einem hübschen kleinen Schlangennest.

Zum einen sind da die älteren Kollegen. Viele von ihnen sind gelassen, tiefenentspannt und stets gewillt, andere an ihrem Wissen teilhaben zu lassen. Andere aber empfinden die qualifizierten Kräfte der nachfolgenden Generation als Konkurrenz. Ihnen mag es noch leichtfallen, Berufsanfänger zu unterstützen. Bis ein eben aus der Uni ausgewilderter Anfang Zwanziger sich um Führungspositionen bemüht, ist der etablierte Kollege der Generation Fünfzig plus schließlich längst auf dem Golfplatz seiner Wahl angekommen. Anders mag er (oder sie) Kollegen hingegen wahrnehmen, die zehn, fünfzehn oder zwanzig Jahre jünger sind: Leicht werden sie als Bedrohung empfunden.

Zwischen diesen beiden Generationen liegen nicht nur Jahre, sondern auch eine digitale Revolution. Dass ältere Kollegen die Kulturtechnik des Schreibens einst auf Tafeln erlernten, ist schon erstaunlich genug. Doch das ist nicht alles. Sie absolvierten auch Studium und Berufseinstieg ohne die Segnungen des Internets. Mancher Endfünfziger lässt sich durch diese unterschiedlichen Sozialisationen in keiner Weise irritieren, sondern mischt ganz vorn mit bei der Digitalisierung der Gesellschaft. Für andere aber ist „das Internet“ immer ein Reich voller Geheimnisse und Überraschungen geblieben, in dem sie sich jenseits von Facebook und Online-Shopping nicht gerade mit Leichtigkeit bewegen.

Das lässt sie auch in ihrer eigenen Wahrnehmung etwa so jung erscheinen wie Steinzeitmensch Ötzi. Schlimmer noch:  Zugleich müssen sie befürchten, dass jüngere Kräfte sie bisweilen mit geradezu wissenschaftlichem Interesse mustern – ähnlich, wie Anthropologen die Angehörigen eines von jeder Zivilisation abgeschlossenen und in völliger Isolation lebenden Volks betrachten. Allein diese ungemütliche Vorstellung treibt sie in die Defensive.

Oberstes Gebot ist in solchen Konstellationen, die eigenen digitalen Kompetenzen nicht allzu offensiv zu bewerben – das hieße Salz in Wunden streuen und trägt nicht zur Entschärfung der Lage bei. Hilfreich ist auch, sich in heiklen Situationen Zurückhaltung aufzuerlegen. Das mag schwerfallen, wenn der Kollege (oder die Kollegin) gerade halböffentliche Rundmails mit vertraulichen Details beantwortet oder wissen will, was es eigentlich mit diesem Instagram auf sich hat – oder wenn er oder sie bei der Erwähnung des Worts „Cloud“ ein Gespräch übers Wetter beginnt. Jetzt lohnt es sich, nicht laut und ungläubig zu lachen, sondern so diskret wie möglich mit den richtigen Stichworten auszuhelfen, um den anderen nicht noch zusätzlich bloß zu stellen. Wer unterstützt, kommuniziert damit auch, dass er für den älteren Mitarbeiter keine Bedrohung darstellt. Wer aber fassungslos den Kopf schüttelt, macht sich einen Feind.

Wenn latente Spannungen auf die Stimmung im Büro drücken, sollte man indes selbst aktiv werden. Ein einfacher, aber wirkungsvoller Trick, um dauerhaft die Unterstützung und das Vertrauen schwieriger älterer Kollegen oder Kolleginnen zu gewinnen, ist selbst, um Rat zu fragen. Bittet man sie um ihre Einschätzung – mit ausdrücklichem Hinweis auf ihre Erfahrung und Kompetenz -, kann sich unterschwellige einseitige Feindseligkeit überraschend schnell in eine kollegiale und belastbare Zusammenarbeit verwandeln. Schließlich möchte jeder sich wertgeschätzt fühlen. Die Anerkennung der Tatsache, dass ältere Kollegen sich in einzelnen Bereichen besser auskennen, vielleicht mehr oder andere Kontakte in der Branche haben, kann tatsächlich der Beginn einer wunderbaren Freundschaft sein – und ist somit für alle Beteiligten profitabel.

Natürlich gibt es die unterschiedlichsten Klippen im Joballtag. Immer gilt, dass das gesamte Arbeitsklima leidet, wenn sich ein Mitarbeiter ausgegrenzt oder abgehängt fühlt. Nicht nur der Umgang mit älteren Kollegen erfordert daher immer wieder das Fingerspitzengefühl eines Herzchirurgen – auch die jüngere Generation kann Nervosität verbreiten. Wieder ist Unsicherheit die Wurzel des Problems. Wer ins Berufsleben einsteigt, ist meist hochmotiviert und voller Energie. Leider ist die Welt voller Zyniker, die so etwas nicht mitansehen wollen und nichts lieber machen, als dem engagierten jungen Ding einen kräftigen Dämpfer zu versetzen. Das führt nicht selten zu Verunsicherung und Hektik.  Ein idealer Zustand also, um (weitere) Fehler zu machen. Und schon wird aus einem hoffnungsvollen Berufsanfänger ein Nervenbündel.

Auch wer manchmal das Gefühl hast, als Mitglied der Generation dazwischen die ganze Abteilung zu therapieren, sollte in solchen Fällen eingreifen. Regelmäßiges positives Feedback wirkt Wunder und stärkt die Nerven.  Selbstbewusstsein gedeiht auf Erfolgserlebnissen bekanntlich am besten. Sollte einer der Etablierten im Büro immer wieder am Einsteiger herumkritteln, ist es sinnvoll, das positive Feedback vor Publikum zu geben – auch, wenn man nicht der Chef ist. Die Botschaft, dass vieles sehr gut läuft, darf und soll bei allen ankommen. Denn das zügelt Nörgler, die womöglich sowieso vor allem unter ihren eigenen Unsicherheiten leiden.

Es gibt auch unsichere Einsteiger, die nicht durch Anranzer entmutigt wurden. Und dann? Mut zusprechen und jeden Erfolg loben. Das kommt dem ganzen Arbeitsklima zugute. Ohnehin lohnt es sich, Einsteiger aktiv zu unterstützen und junge Talente gezielt zu fördern, um langfristig zuverlässige, funktionierende Netzwerke zu entwickeln. Und nicht zuletzt schätzt man es auch dass als Angehöriger der Sandwich-Generation, Anerkennung zu erfahren und Lob zu hören – zum Beispiel für Einfühlungsvermögen und soziale Kompetenzen.

Subscribe to our newsletter

NICHT VERPASSEN

Melde dich für unseren Newsletter an, um als erster Flash Pack Informationen zu bekommen.

WAS ZU ERWARTEN IST

Höre vor allen anderen von unseren neuen Abenteuern.

Sei der Erste, der über exklusive Flash Pack-Angebote informiert wird.

Habe Zugang zu spannenden Gewinnspielen.

Erhalte wöchentliche Inspirationen und Reiseberichte von Alleinreisenden, genau wie du.